Teil 3: Meine Geburt in Mexiko – vom Blasensprung bis zur Geburt von Noah
- Blasensprung am Samstag
- Erstes Krankenhaus
- Wieder nach Hause geschickt
- Leberwurstbrot
- Wehensturm
- Fahrt durch Puebla
- Krankenhausaufnahme
- Rechnung bezahlen während der Geburt
- OP statt Kreißsaal
- Improvisierte Geburtsliege
- Keine PDA mehr möglich
- Geburt um 0:57 Uhr
- 2500 g und 44 cm
- Fotos im OP

Der errechnete Geburtstermin rückte immer näher und ich wartete gespannt darauf, wann unser Sohn sich auf den Weg machen würde.
Meine größte Sorge war eigentlich, dass die Geburt unter der Woche beginnen könnte und ich Noahs Papa von der Arbeit holen müsste.
Doch Noah hatte andere Pläne. Es war ein Samstag.
Der Blasensprung
Gegen 17 Uhr bemerkte ich plötzlich, dass meine Fruchtblase geplatzt war.
Aufgeregt machten wir uns auf den Weg ins Krankenhaus Angeles. Dort wurde ein CTG geschrieben und ich wurde untersucht.
Doch zu meiner Überraschung waren noch keine Wehen zu sehen.
Der Arzt untersuchte mich und schickte uns anschließend wieder nach Hause. Wir sollten möglichst lange dort bleiben und erst zurückkommen, wenn die Geburt wirklich in Gang gekommen war.
Also fuhren wir wieder nach Hause.
Damals ahnte ich noch nicht, wie schnell sich das ändern würde.
Der Wehensturm
Innerhalb kürzester Zeit geriet mein Körper komplett in den Geburtsmodus. Ich musste mich gleichzeitig übergeben und mein Darm entleerte sich ebenfalls. Danach begann ein Wehensturm, auf den mich nichts vorbereitet hatte.
Ich legte mich mit meinem Heizkissen ins Bett und war überzeugt, dass ich diese Schmerzen nicht aushalten würde.
Von ruhigem Atmen und entspanntem Verarbeiten der Wehen war ich meilenweit entfernt.
Noahs Papa versuchte mir zu helfen.
Er kam mit einem Tennisball, wollte meinen Rücken massieren und erinnerte mich immer wieder daran, wie wir es im Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatten.
„Atme.“
Doch ich wollte in diesem Moment nichts hören.
Ich schob ihn weg, traf ihn dabei sogar versehentlich mit dem Finger am Auge und vergrub mich weinend in meiner Bettdecke.
Irgendwann stand für mich fest: Ich brauche eine PDA. Sofort.
Die Fahrt durch Puebla
Gegen 23 Uhr machten wir uns auf den Weg ins Krankenhaus La Paz. Jede Bodenwelle schien direkt durch meinen Körper zu gehen.
Wer schon einmal durch mexikanische Straßen gefahren ist, weiß, dass Schlaglöcher und Bodenwellen dort zum Alltag gehören.
Ich saß auf dem Beifahrersitz, klammerte mich am Haltegriff fest und kniff durchgehend die Augen zusammen. Die Fahrt kam mir endlos vor.

Erst die Rechnung, dann die Geburt
Im Krankenhaus angekommen wurde ich über die Notaufnahme aufgenommen. Während ich bereits mitten in den Wehen steckte, dachte ich nur an eine Sache: Noahs Papa muss noch bezahlen.
In Mexiko kauft man die Geburt häufig als Paket. Darin enthalten waren in unserem Fall das Krankenhausaufenthalt inklusive Materialien und Erstuntersuchung vom Neugeborenen, mein Frauenarzt, der Kinderarzt und der Anästhesist. Tatsächlich mussten wir beim Verlassen des Krankenhauses und noch etwas nachzahlen.
Ein Teil der Kosten war bereits in einer Pflichtanzahlung bezahlt worden. Der Rest musste nun beglichen werden bevor ich in den OP gefahren wurde..
Während ich also längst mit der Geburt beschäftigt war, musste Noahs Papa noch die Rechnung bezahlen und unsere Taschen aufs Zimmer bringen. Ein Moment, der mir bis heute zeigt, wie unterschiedlich Gesundheitssysteme funktionieren können.

Keine Socken und keine PDA
Die Schwestern zogen mich um und nahmen mir meine Kleidung ab. Auch meine Socken! Mit kalten Füßen bin ich wirklich kein angenehmer Mensch und ausgerechnet während der Geburt durfte ich meine Socken nicht an behalten.
Während die Wehen immer stärker wurden, standen mehrere Menschen um mich herum, zogen mich um, bereiteten alles vor und erklärten Dinge, die ich kaum noch wahrnahm. Ich fühlte mich vollkommen wehrlos und überfordert und klammerte mich irgendwie an die Liege, um die Wehen zu ertragen.
Dann kam die Untersuchung. Ich wollte nur eines hören: „Wir machen jetzt die PDA.“ Stattdessen hörte ich: „Sie haben acht Zentimeter Muttermundöffnung.“ Für eine PDA war es zu spät.
Der Arzt lächelte und sagte: „Sie müssen wahrscheinlich nur noch drei Mal pressen, dann ist Ihr Baby da.“
Geburt im Operationssaal
Einen klassischen Kreißsaal gab es in diesem Krankenhaus nicht. Ich wurde in einen Operationssaal gebracht. Bis heute erinnere ich mich daran, wie merkwürdig dieser Raum ohne Fenster wirkte. Wie ein Kellerraum. Gleichzeitig dunkel und dennoch extrem grell beleuchtet. Steril. Kalt. Ungemütlich.
Nichts erinnerte an die Geburtsräume, die ich aus Deutschland kannte.
Besonders skurril fand ich, dass ich durch eine interne Fensteröffnung von einem Bereich in den anderen in den OP Raum gehoben wurde.
Im Operationssaal angekommen wurde ich auf eine Liege umgelagert. Allerdings gab es keine richtigen Beinstützen. Stattdessen wurden Armlehnen, wie man sie vom Blutabnehmen kennt, kurzerhand unten an die Liege geschraubt.
Und all das geschah, während ich bereits Presswehen hatte.
Noahs Papa schafft es gerade noch rechtzeitig. Als die Presswehen begannen, war Noahs Papa noch gar nicht im Raum. Kurz darauf kam er schließlich herein. Komplett eingekleidet in OP-Kleidung, mit Haube auf dem Kopf und kaum wiederzuerkennen.
Dennoch war ich einfach nur erleichtert, dass er da war.
Während der Presswehen hielt ich mich mit einer Hand an seinem Kragen fest und mit der anderen an einer Schraube der improvisierten Beinstütze. Ich presste mit aller Kraft. Der Anästhesist motivierte mich die ganze Zeit. Irgendwann machte ich mit ihm sogar noch ein High Five. Heute muss ich darüber lachen.
Um 0:57 Uhr war er da
Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Der Kinderarzt massierte noch eine Wehe am Bauch und der Frauenarzt schnitt mich. Wenige Augenblicke später war Noah geboren.
Unser kleiner Sohn kam um 0:57 Uhr zur Welt. Er wog gerade einmal 2.500 Gramm und war 44 Zentimeter groß. Ein winziges Bündel Mensch.
Nach all den Monaten des Wartens lag er plötzlich auf meiner Brust. Mein Sohn.
Der Moment, den ich mir anders vorgestellt hatte. Eigentlich hatte ich immer gedacht, dass dieser Moment der schönste meines Lebens sein würde. Doch ehrlich gesagt war ich völlig überrumpelt. Alles war so schnell gegangen. Noch wenige Stunden zuvor hatte ich gedacht, ich würde vor Schmerzen sterben. Und plötzlich war ich Mama.
Innerlich brauchte ich jedoch Zeit, um zu begreifen, was gerade passiert war.
Als Noah nach den ersten Minuten von seinem Papa übernommen wurde, war ich erleichtert. Ich brauchte einfach etwas Zeit, um zurecht zukommen. Um zu verstehen, dass dieser kleine Mensch jetzt zu uns gehörte.

Fotos im Operationssaal
Und dann passierte etwas, das bis heute typisch mexikanisch für mich ist. Mein Frauenarzt fragte plötzlich Noahs Papa: „Hast du dein Handy dabei? Wir machen ein paar Fotos.“
Ich erinnere mich noch genau daran, wie absurd ich das fand. Alle waren komplett vermummt, trugen OP-Kleidung, Hauben und Handschuhe. Aber ein Handy mitten im Operationssaal war völlig in Ordnung.
Genau deshalb besitzen wir heute echte Fotos direkt aus dem OP von Noahs Geburt in Puebla.

